Der Erfahrbare Atem nach Prof. Ilse Middendorf
Der Erfahrbare Atem nach Prof. Ilse Middendorf
Ilse Middendorf (21.09.1910 - 02.05.2009) war die “Große Dame” der Atemtherapie in Deutschland. Als eine der führenden Expertinnen in der Atemarbeit war sie über 70 Jahre lang forschend und lehrend tätig und entwickelte einen Weg zur Erfahrung unseres natürlichen und individuellen Atemgeschehens. Den Erfahrbaren Atem bezeichnen wir daher auch als Erfahrungswissenschaft.
1965 gründete Ilse Middendorf ihr erstes Ateminstitut in Berlin, 1971 bekam sie eine Professur an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Berlin, in der sie Schauspieler(innen) in der Atemarbeit unterrichtete.
1982 gründete sie ein zweites Ausbildungsinstitut in Beerfelden im Odenwald. Die organisatorische Leitung beider Institute übergab Ilse Middendorf 1986 ihrem Sohn, Helge Langguth. https://www.erfahrbarer-atem.de/
Normalerweise denken wir über unseren Atem nicht weiter nach. Der größte Teil unseres Atemgeschehens passiert unbewusst. So geht es auch mit unserem Herzschlag oder der Verdauung. Sind wir jedoch abgehetzt, weil das Alltagstempo zu schnell wird, bekommen wir eine schlechte Nachricht oder einen Schreck, dann “stockt uns der Atem”. Wenn wir am Meer, in den Bergen oder im Wald spazieren gehen wird unser Atem dagegen ganz frei, tief und weit. Jeder Atemzug wird zum Genuss. Wir sind eins mit uns und der Welt, glücklich, zentriert, ruhig und wach zugleich.
Unser Atem reagiert wie ein Seismograph ganz fein und jederzeit auf alle Situationen in unserer Innen- und Außenwelt. Ilse Middendorf sagte auch “der Atem ist der Spiegel unserer Seele” und “der Atem wird zum Sein”.
So wie wir atmen fühlen wir uns also auch. Nun können wir den Atem als einzige vegetative Lebensfunktion ja auch willentlich beeinflussen. Wir können den Atem anhalten, tiefer oder flacher atmen, schneller oder langsamer, erleben nach einem Seufzer oder dem Gähnen eine Atempause.
Die Atemtherapie nach Ilse Middendorf hat zum Ziel, den von alleine kommenden, natürlichen Atem bewusst zu erleben, ohne ihn dabei willentlich zu beeinflussen oder in seiner Natürlichkeit zu stören. Hier entsteht Gelassenheit im wahrsten Sinne des Wortes. In einem Gleichgewicht von Hingabe und Achtsamkeit erfahren wir dabei den Atem als Quelle unserer Kreativität, Inspiration, Ruhe und Kraft. Dazu müssen wir einfach nur einmal still werden und nach innen lauschen.
Steht die Empfindung am Beginn, dann ist es die direkte körperliche Empfindung. Hier fragen wir oft ab: Wo bewegt mich der Atem? Wo entsteht Frische, Wärme, Kribbeln? Kann ich ein Rieseln, Prickeln, Strömen spüren? Empfinden wir einen Schmerz, dann gehen wir nicht direkt zum Schmerz hin. Das würde ihn noch verstärken. Wir sammeln uns dagegen nur in die Gegend, gesellen uns quasi dazu und sind auch da, in liebevoller Anwesenheit.
Die Sammlung meint damit die Hinwendung zu einem bestimmten Körperbereich. Das gelingt zu Beginn auch oft erst über die Berührung. Wende ich meinen Füßen zu, indem ich sie liebevoll massiere, streiche, drücke und knete, oder am Boden reibe, dann kann ich in ihnen ganz anwesend sein. Durch die Berührung entsteht ein Empfindungsfeld, was auch beim Wegnehmen der Hände immer noch da ist. Hier bleibe ich gesammelt und schaue mir die Empfindung dazu und meinen Atem während dessen an. Die Sammlung ist, im Gegensatz zur Konzentration die Ausrichtung mit meinem ganzen Wesen auf eine Körpergegend, ein in Beziehung treten.
Meinen Atem lasse ich ganz frei. Ich hole ihn nicht. Er kommt und geht von selbst. Mein Rhythmus stellt sich ein. Im Erfahrbaren Atem sprechen wir auch vom „Anfängergeist“. Der Begriff kommt eigentlich aus dem Zen Buddhismus, beschreibt aber in einem Wort gut unsere offene, annehmende und unvoreingenommene Haltung während der Arbeit.
Im Körper geht die Atembewegung vom Zwerchfell aus, unserem “großen Segel” (es gibt auch ein kleines Zwerchfell, den Beckenboden). Die Schwingung des Zwerchfells und damit die Atembewegung setzt sich in unserem Körpergewebe und über alle Gelenke fort. Wir sprechen hier von einer größeren Durchlässigkeit, Wohlspannung der Muskulatur, Eutonus. Mit etwas Übung und der damit gewonnenen Erfahrung wird die Atembewegung im ganzen Körper spürbar und erlebbar, denn eine Bewegung ist für uns doch immer greifbar. Der Atem ist die Urbewegung jeden Lebens.
Ausrichtung:
In der Atemarbeit nach Ilse Middendorf verfolgen wir einen salutogenetischen Ansatz. Wir wenden uns dem zu, was gesund und heil ist. Damit verliert die Krankheit automatisch an Einfluss. Es ist uns ja glücklicherweise jederzeit möglich, auf die Fülle und das Förderliche in unserem Leben zu schauen (statt auf den Mangel und das Hinderliche). Hier werden unsere Selbstheilungskräfte aktiviert.
Durch eine verbesserte Empfindungsfähigkeit, den Zugang zum eigenen Körper und damit auch zum Befinden wächst in der Atemarbeit unsere Achtsamkeit. Das gute daran ist, Erfahrungen gehen nicht mehr verloren. Wir bekommen ein feineres Gespür für uns und unsere Bedürfnisse. Was tut mir gut? Was passt zu mir? Was entspricht meinem innersten Wesen?
“Das bewusste Erleben meines natürlichen Atems verbindet mich mit meinen inneren Lebensprozessen. Ich erlebe mich als atmender Mensch in meiner gesamten Lebendigkeit. Es entwickelt sich eine besondere Form der Selbstakzeptanz und Gelassenheit. Die Erfahrung, dass der Atem tatsächlich von alleine kommt, ohne dass ich dafür aktiv etwas tun muss, sondern, dass es einfach geschieht, fördert in besonderem Maße ein tiefes Vertrauen in die Lebensprozesse, die sich in mir vollziehen. So gelingt es oft auch im Alltag, den täglichen Anforderungen mit mehr Vertrauen und Gelassenheit zu begegnen.” (Michael Maar)
Entwicklung:
Der Erfahrbare Atem ist ein Entwicklungsweg. Wir arbeiten an unserer inneren Entwicklung. Es ist ein Lebensweg. Durch die Zuwendung zu mir, Mitgefühl mit mir selber entsteht ein inneres Wachstum. Die Persönlichkeit verändert sich. Ich werde und erlebe mich so, wie ich gemeint bin. Das ist ein freudiger, befriedigender und schöner Prozess, ein Ankommen.
Und so wie ich nun geworden bin kann ich mich auch im Außen zeigen, stehe zu mir selbst, Akzeptanz wächst und die Kommunikation mit anderen Menschen verbessert sich ganz automatisch gleich mit.
Gruppenarbeit:
In einer Atem- und Bewegungsstunde oder der Vokalatemraumarbeit arbeiten wir 60 bis 90 Minuten. Das geschieht in Grund- oder Intensivseminaren im Ateminstitut oder auch im Anschluss an einen Vortrag zum Erfahrbaren Atem im Seminar oder Workshop. Die Gruppengröße variiert dabei zwischen 5 und 20 Teilnehmern. Wir arbeiten überwiegend auf dem Hocker, auch im Stehen oder Liegen. Mit ganz einfachen Atem-, Bewegungs- und Dehnungsübungen oder beim Tönen wird das eigene Atemgeschehen erfahrbar. Anschließend folgt im Stillen das Nachspüren. Wir interessieren uns für die Nachwirkung. Das Erlebte tauschen wir dann verbal untereinander aus. Mit zunehmender Übung können wir den Atem immer mehr zulassen, so dass er irgendwann auch die Führung übernimmt. Das ist eine schöne und kreative Arbeit.
Einzelbehandlung:
Die Atembehandlung dauert in der Regel 60 Minuten. Hier liegt der Klient bekleidet auf einer Liege. Der Atemtherapeut erspürt mit den Händen die Atembewegungen des Liegenden. Durch Impulse, auf die das Atemgeschehen des Klienten meist unwillkürlich reagiert entsteht ein nonverbales “Atemgespräch”. Der Klient verbessert den Zugang zu seinem eigenen Atem, lernt seinen eigenen Rhythmus immer besser kennen. Anzahl und zeitlicher Abstand der Behandlungen variieren individuell.
(Preise inkl. der gesetzlichen Mehrwertsteuer)